Update am 26. März um 22:10: Inzwischen hat Isar Aerospace bekanntgegeben, weshalb sie den gestrigen Startversuch abbrachen.
Wenige Sekunden bevor der Countdown enden und die Triebwerke zünden sollten, stoppte alles. Der Grund: Der Treibstoff war zu heiß. Allerdings trägt daran weder die Rakete selbst, noch das Münchner Start-up die Schuld – sondern ein externer Faktor.
Kurz bevor die Spectrum-Rakete in die finale, automatisch ablaufende Countdownphase eintrat, drang ein Schiff unerlaubt in den geschützten Bereich um den Andøya-Raumhafen ein. Bis dieses die Zone wieder verlassen hatte, hatte sich der Raketen-Treibstoff zu stark erhitzt. Als die Uhr schließlich wieder runterzählte, hätten die Triebwerke ursprünglich längst zünden sollen.
Ferner blieb jetzt auch nicht genügend Zeit, um den Tankinhalt erneut herabzukühlen, da das staatlich gewährte Startfenster sich zuvor geschlossen hätte. Deshalb konnten die deutschen Raketenpioniere an diesem Abend keinen erneuten Anlauf wagen.
Wir halten euch auf dem Laufenden, wann der nächste Versuch ansteht.
2025 stürzte die erste Spectrum Rakete einige Sekunden nach Zünden ihrer Triebwerke ins Eismeer. Ihre Nachfolgerin soll am 25. März gegen 21 Uhr (Stand 23. März) zu einem historischen Flug ansetzen: Die erste deutsche Orbitalrakete wird vom Andøya Spaceport in Nordnorwegen abheben.
Das Ziel: die Spectrum für kommerzielle Zwecke qualifizieren und damit die deutsche Raumfahrt auf die nächste Stufe hieven.
Zweiter Anlauf zur Orbital-Premiere
Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, im hohen Norden tickt die Uhr. Unter der Bezeichnung: Onward and Upward
(zu Deutsch: Weiter und Höher) setzt das Münchner Start-up Isar Aerospace zum zweiten Versuch an, ihre Spectrum-Rakete zu starten.
Isar Aerospace überträgt den Launch per Livestream, der etwa eine Stunde vor dem Start beginnt – das Video erscheint auch hier, sobald der Stream beginnt:
Sollten Umstände technischer Natur, Gefahrenquellen wie zu nahe Schiffe/Flugzeuge, die die Sperrzonen verletzen oder schlicht das Wetter dazwischenkommen, sieht Isar Aerospace vor, den Versuch abzubrechen. In dem Fall stünden Ausweichtermine zur Verfügung.
Eckdaten der Spectrum:
- zweistufige Leichtlast-Orbitalrakete
- Maße: 28 Meter hoch und 2 Meter im Durchmesser
- Anzahl der Triebwerke: 10, auf zwei Stufen verteilt
- Nutzlast: Eine Tonne in den niedrigen (LEO) und 700 Kilo in den sonnensynchronen Erdorbit (SSO).
Zum Vergleich:
- Ariane 6 (mit vier Feststoffboostern): 63 Meter Höhe, 5,4 Meter Durchmesser und bis zu 22 Tonnen in den LEO.
- Falcon 9: 70 Meter Höhe, 3,7 Meter Durchmesser und bis zu 23 Tonnen in den LEO
Die derzeit am ehesten direkt mit der Spectrum konkurrierende Rakete ist die Firefly Alpha von Firefly Aerospace aus den USA. Sie ist etwas höher, dafür jedoch minimal schmaler. Sie vermag ebenfalls rund eine Tonne in den LEO bringen und hat das auch schon mehrmals erfolgreich demonstriert.
Bei beiden handelt es sich um sogenannte Small-Lift-Raketen. Ariane 6 und Falcon 9 rangieren irgendwie zwischen Medium- und Heavy-Lift. Danach folgen die Giganten der Super-Heavy-Lift-Klasse, wie die einst zum Mond fliegende Saturn V, das moderne SLS oder das Starship von SpaceX.
Angetrieben wird die Spectrum-Rakete von neun Aquila-Triebwerken in der Erst- und einem Vacuum-optimierten Aquila in der Zweitstufe. Es handelt sich dabei um einen Antrieb vom Typ offener Gas-Generator
. Wer tiefer in die Welt der Raketentriebwerke einsteigen möchte, findet eine gründliche Einführung in die Thematik in einem separaten Artikel.
Dort steigen wir mit grundlegender Physik ein und enden bei den Facetten, die das Raptor-Triebwerk von SpaceX derzeit von allen abhebt. Den Erfolg zahlen aber wohl auch die Mitarbeiter mit ihrer Gesundheit.
Als Lehre des ersten Tests setzten die Ingenieure Änderungen um: Komponenten und Verfahren an der zweiten Stufe wurden vereinfacht. Denn die Analyse verortete das Kernproblem im März bei einer fehlerhaften Lagekontrolle aufgrund eines offenen Ventils, wodurch die Sicherheitssysteme den Flug automatisch beendeten.
Solche Verfahren gehören zur Pflichtausstattung jeder modernen Rakete. Denn der Worst-Case eines Startversuches wäre, dass ein voll getanktes Raumfahrzeug unkontrollierbar gen Himmel aufsteigt, um irgendwo ungeplant runterzukommen.
Testflug mit wissenschaftlichem Ziel
Abseits des primären Zwecks, die Rakete zu testen, neue Erkenntnisse zu zeigen und nicht zuletzt ihre Betriebsfähigkeit unter Beweis zu stellen, geht es auch um einen typischen Alltagseinsatz: Nutzfracht absetzen. Mit an Bord sind Satelliten und Experimente mehrerer Universitäten:
- CyBEEsat (Deutschland)
- FramSat-1 (Norwegen)
- Platform-6 (Ungarn)
- SpaceTeamSat1 (Österreich)
- Trisat-S (Slowenien)
Let It Go
-Experiment von Dcubed (fast an der Oberstufe verankert, verglüht mit ihr am Ende der Mission)
Der Grund für diesen etwas unorthodoxen Vorgang, Fracht auf Testflüge mitzunehmen, liegt beim Microlauncher Wettbewerb
des DLR, unterstützt durch die ESA. Diesen gewann Isar Aerospace.
2:17
Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems – mit an Bord Clyde Tombaugh
Hierdurch sollen junge Raketenhersteller finanziell sowie praktisch gestützt werden, während gleichzeitig Forscher vergünstigten Zugang zu Nutzlastkapazitäten erhalten. Denn auch 2026 zählt die Möglichkeit, einen eigenen, selbst leichten Satelliten in den Orbit zu bringen, nicht zum Selbstverständlichen für Wissenschaftler – das kostet in der Regel reichlich Geld.
Die erste Deutsche ihrer Art
Es mag verwundern, aber wir haben mit der Spectrum wirklich den Erstling vor uns. Nie zuvor gab es eine Orbitalrakete deren Seite explizit die deutsche Flagge als alleiniges Herkunftsland zierte.
Aber wie kann das sein? Wir haben als Deutschland ja schließlich seit Jahrzehnten an allen möglichen Projekten teilgenommen. Durch das DLR sowie die ESA/NASA/Roskosmos schickten wir beispielsweise schon mehrere Astronauten zur ISS. Allerdings saßen sie dabei immer auf russischen, amerikanischen oder internationalen Raketen – gleiches gilt für Satelliten.
Noch nie hat ein Mensch oder ein Stück Nutzlast an Bord einer deutschen Rakete den Orbit erreicht. Die Ariane ist ein deutsch/französisches Raumfahrzeug. Sollte also die Spectrum im Januar 2026 einen Orbit erreichen, wäre das eine Premiere für unser Land – sowie für ganz Europa. Denn bisher starteten alle Raketen von uns entweder in Südamerika (Ariane) oder in Asien (russische Raketen).
Allerdings setzen wir bei dieser Betrachtung ohnehin eine rein rechtlich/bürokratische Brille auf. Wer hinter die Fabriktore schaut, erkennt die Realität. Denn bei Isar Aerospace arbeiten Menschen aus mehr als 50 Nationen und wenn wir nach Amerika gucken, werkeln bei SpaceX auch deutsche Ingenieure.
Deshalb steht die Spectrum für beiderlei. Eine deutsche Premiere, aber eben auch für den Fortbestand einer Kontinuität der Branche: Raumfahrt ist und bleibt international, egal welche Flagge wir auf die Seite des Vehikels malen.
Alle mal wäre es ein wichtiger Schritt für Europa, denn im neuen Raketen-Rekordjahr 2025, steuerten wir nur einen Bruchteil bei. China und Amerika dominieren auf nie dagewesene Weise.
Erfolg gewünscht, aber Misserfolg mitgedacht
Gerald Weßel
Gleichweg, wie dieser zweite Anlauf endet, die Zukunft Isar Aerospace’ ist gesichert. Raketen 3 bis 7 befinden sich nahe München in Produktion und noch in diesem Jahr soll eine neue Fabrikanlage bezogen werden, um sich breiter aufzustellen. Das Vertrauen von Investoren und Kunden ist vorhanden – trotz des ersten Fehlschlages.
Denn Entwicklung, Fertigung sowie Qualifikation einer Rakete für kommerzielle Einsätze gehört zu den riskantesten und aufwendigsten Aufgaben, denen sich Ingenieure selbst heutzutage stellen können. Wer in die Branche Geld steckt oder hier arbeitet, weiß das. Raketenentwicklung ist ein Marathon, kein Sprint. Abstürze, Explosionen und Mühsal gehören schlicht dazu.
Auch SpaceX hatte einige schwere Jahre zu überbrücken, ehe sie zu der dominanten und weltweit geachteten Messlatte für kommerzielle Raketen aufstiegen. Sollte es Isar Aerospace im zweiten Anlauf gelingen, wäre das beachtlich und stünde für eine absolute Spitzenleistung aller Beteiligten. Ich kann deshalb nur eines wünschen: Godspeed Spectrum, Onward and Upward! Viel Glück an die Isar und nach Norwegen!
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