Mein Schrott-Adventskalender zeigt, was auf Etsy und Co. gerade falsch läuft

Mein Adventskalender ist nicht nur mies, sondern ein Symptom des modernen Onlinehandels – ausgerechnet wenn es um Handgemachtes geht.

Es ist in so vielerlei Hinsicht ein verdammt mieser Adventskalender – für mich aber auch ein Mahnmal unserer Zeit. (Bildquelle: GameStar Tech Adobe Stock von aanbetta) Es ist in so vielerlei Hinsicht ein verdammt mieser Adventskalender – für mich aber auch ein Mahnmal unserer Zeit. (Bildquelle: GameStar Tech / Adobe Stock von aanbetta)

Weihnachtliche Mogelpackungen: Ich habe Anfang des Monats von einer Freundin einen Adventskalender bekommen – 24 kleine Häkelfiguren sollten mir die Wochen bis Heiligabend versüßen.

Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß: Hinter schlecht ausgestanzten Türchen im Pappkarton verstecken sich keine niedlichen Häkelwesen, sondern billiger Plastikschrott. Mein Adventskalender ist kein ärgerlicher Einzelfall, sondern ein Symptom dessen, was derzeit ausgerechnet auf Handarbeitsplattformen wie Etsy dominiert.

Ich zeige euch den wohl ärgerlichsten Adventskalender, den ich je hatte – und warum ich unter den Umständen trotzdem fast froh bin, dass die Verpackung nicht dem Inhalt entspricht.

Video starten 56:01 GameStar Tech Talk: Geht KI zu weit?

Ein Adventskalender mit 24 kleinen Unverschämtheiten

Frohe Weihnachten sagte meine Freundin etwas verschämt zu mir, als sie mir am zweiten Dezember ein Geschenk überreichte. Es ist mir schon peinlich, aber ich bin wohl auf einen Betrug hereingefallen.

Emotional Support Pickle steht darauf. Eine kleine Häkelgurke auf der Packung verspricht mir, dass sie immer für mich da sein wird und ich »ein großer Dill« bin, ein Wortspiel mit »big deal«.

Ich freue mich über die Aufmerksamkeit und reiße sofort das erste Türchen auf.

  • Statt eines Häkelwesens finde ich dort einen kleinen Plastikchip. Die abgebildete Karotte hält ein Schild hoch, das so winzig ist, dass man die Schrift darauf überhaupt nicht lesen kann.
  • Türchen Nummer 2: Ich kann den Spruch sogar lesen: Eine Positive Kartoffel sagt mir, dass sie zwar vielleicht nur eine kleine Kartoffel sei, aber dennoch an mich glaubt. Ich solle einfach mein Ding machen. Ich bin mir unsicher, ob mir das emotionalen Halt gibt.

Die falschen Häkelfiguren Ist das noch ChatGPT? Wenn man den Motivationsspruch überhaupt lesen kann, dann ist er so generisch, dass es fast wieder witzig ist.

Der Adventskalender Ein Kalender, der sich selbst zerstört: Ich öffne die Türchen wirklich vorsichtig, aber mit jedem Tag löst er sich mehr und mehr auf.

Meine Freundin hat den Kalender über eine Instagram-Werbung gekauft, doch das Problem ist plattformübergreifend. Wer heute nach Handgemachtem sucht – egal ob via Social Media Ads oder direkt auf Etsy – landet im selben Sumpf aus KI-Bildern und billigster Importware.

KI-Schrott verdrängt gerade Handgemachtes

Etsy war eigentlich eine Plattform, die Hort für Handgemachtes und kleine Künstler sein wollte. Ich bin mir um das Geschäft von Drop-Shipping bewusst: Bestimmt kennt auch ihr YouTube-Werbungen von eifrigen Jungunternehmern, die uns erklären, dass wir alle wöchentlich tausende Euro im Online-Handel verdienen können, ohne ein Lager mit Waren zu haben.

Aber wenn ich nach Waren von echten Handwerkskünstlern suche, dann ist Etsy für mich noch immer die Anlaufstelle Nummer 1. Das Problem meines Schrottkalenders ist ein anderes, ihr ahnt es bestimmt: KI-generierter Schrott und gerade hier fällt Etsy die eigene Strategie auf die Füße:

2024 hat die Plattform ihre Richtlinien für Produkte, die mithilfe von generativer KI entstanden sind, geändert. Darin wird Verkäufern grundsätzlich erlaubt, KI-Tools zu nutzen, um eigene Kunst zu erstellen. Allerdings gibt es eine Kennzeichnungspflicht.

Ich halte es in der Theorie für durchaus vertretbar, Verkäufern die Nutzung von KI grundsätzlich zu erlauben. In der Praxis wird das aber gerade für Etsy zu einem Problem. Nicht nur auf Reddit mehren sich nun seit über einem Jahr die Forenbeiträge, die das auf Verkäufer- und Käufersicht dokumentieren:

  • Ein Künstler beklagt, er investiere in eine einzige Illustration drei Tage. Nun ist die Plattform voll mit Shops, die einen Katalog von über 2.000 druckbaren Illustrationen haben: Für einen einzigen Menschen unmöglich, für generative Bilder-KI eine Sache von ein paar Stunden.
  • Ein Käufer erklärt, wie KI das Shopping-Erlebnis zerstört: Anstatt sich ein Motiv für ein großes Mauspad zu suchen, ist Nutzer newyroo damit beschäftigt, Hinweise auf KI im Bild zu finden, weil er genau das nicht auf Etsy kaufen will.
  • Und auch für die Handarbeits-Community ist Etsy zu einem Minenfeld geworden: Häkel- und Strickanleitungen versprechen: Folge diesem Muster und am Ende hast du einen fertigen Pulli. Nur werden zu KI-generierten Bildern von aufregenden Kleidungsstücken wiederum KI-generierte Anleitungen verkauft. Gerade ein Laie muss hier mitten im Prozess bemerken, dass die gelieferte Anleitung überhaupt keinen Sinn ergibt.

Auf Etsy tummeln sich aktuell also nicht nur tonnenweise KI-genierte Produktbilder. Auch ganze Shops sind mit ein paar Prompts gänzlich KI-generiert.

So wie die Sprüche auf meinen falschen Häkel-Plastik-Figürchen: Fine-Apple. It's fine. You're fine. Everything's fine. steht auf einer kleinen Ananas. Ernsthaft, ChatGPT?

Hier ist gar nichts fein.

Warum ich auch froh bin, dass der Kalender nur Plastikschrott enthält

Vielleicht fragt ihr euch: Warum kritisiert sie hier Etsy, wo der Kalender selbst doch aus einer Instagram-Werbung kommt? Nun, einerseits weil ich auf der Plattform ganz ähnliche Kalender finde und andererseits weil ich der Meinung bin: Genau so ein Kalender gehört auf Etsy.

Im Gegensatz zum Stricken können Maschinen nicht häkeln. Erst letztes Jahr wurde an der Hochschule Bielefeld mit dem CroMat der erste Prototyp für eine Häkelmaschine vorgestellt. Und der ist noch lange nicht so weit, dass er Etsy-Shops mit filigraner Ware versorgen könnte.

Nun habe ich selbstverständlich nicht nach dem Preis meines Geschenks gefragt, aber ich habe online denselben Kalender für 15 Euro gefunden. Die Vorstellung, dass in irgendeinem Shein-Sweatshop nun auch noch Menschen sitzen, die am Fließband Häkelfigürchen so zusammenkloppen, dass man 24 davon in einen Kalender für 15 Euro stecken und immer noch Gewinn machen kann, ist für mich schrecklicher als der miese Kalender.

Deswegen: Nicht alle Häkelkalender auf Etsy und Co. sind Schrott, aber die guten haben eben auch ihren Preis.

Leider betrifft die KI-Grütze (Englisch: AI-Slop) nicht nur Social-Media-Feeds, sondern macht auch Menschen, die in der Realität etwas mit ihren Händen tun wollen, das Leben schwer.

Der Häkelmops in meinem Kalender sagt: Wenn Schweine fliegen können, dann kannst du es auch. Hoffentlich lernen die KI-Händler bald, dass Schweine gar nicht fliegen können und sie mit ihrer Masche nicht durchkommen.

Was meinst ihr dazu? Habt ihr auch schon Erfahrung mit Produkten gemacht, die sich schnell als KI-Schrott herausgestellt haben? Habt ihr Tipps, wie ihr solchen Schrott persönlich umgeht? Schreibt uns eure Erfahrungen in die Kommentare!

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